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30.04.2016, 19:13 Uhr
Presse: Ein Lausitzer Leuchtturm strahlt bald am BER
Gridlab auf dem Weg zum Europa-Player / Trainingszentrum für die Steuerung von Stromnetzen wechselt von Cottbus nach Schönefeld

Cottbus - Das Trainingszentrum für Stromnetz-Manager Gridlab GmbH gibt den Standort Cottbus auf und zieht in das Umfeld des Flughafens BER nach Schönefeld. "Wir wollen wachsen und müssen für unsere Kunden besser erreichbar sein", sagt der Geschäftsführende Vorstand Hans-Peter Erbring der RUNDSCHAU. Aus Sicht der Stadt Cottbus und der Lausitz ist es ein Umzug zur Unzeit. Das Gridlab ist ein innovativer Leuchtturm in der Wirtschaftslandschaft der Lausitz. Ein Musterbeispiel für Wissenstransfer, für Firmen-Ausgründung aus der BTU, für Kooperation von Unternehmen und Universität, für Anwendung neuester Forschungsergebnisse, für Übernahme von BTU-Absolventen in der Region – und das am Standort Cottbus. Noch bis Ende Juli hat die Gridlab GmbH direkt unter der futuristischen Universitätsbibliothek ihren Firmensitz. Inzwischen flattern VIPs aber schon die Einladungen zur Neueröffnung am Standort Schönefeld ins Haus. Überraschenderweise, wie Nachfragen der RUNDSCHAU am Freitag ergeben haben. Das Unternehmen hat weder der Stadt Cottbus noch der BTU oder der IHK Cottbus Spielraum für Lösungswege zum Verbleib in der Lausitz gelassen. Hintergrund dafür dürfte sein, dass der Stromübertragungsnetzbetreiber 50Hertz – für den Gridlab die Trainingszentrale ist – in der Europacity Berlin seine neue Unternehmenszentrale baut. Sie soll im zweiten Halbjahr 2016 unmittelbar in der Nähe des Hauptbahnhofes eingeweiht werden. Das Cottbuser Gridlab direkt mit an diesen lukrativen Standort zu lotsen, könnte am Flughafen-Argument gescheitert sein. Denn Gridlab ist mit zurzeit 14 Mitarbeitern auf dem Weg zu einem Europa-Player. Längst kommen nicht nur deutsche Stromnetz-Manager in die Simulationsanlage, die Steuerung von Stromnetzen zu trainieren. So werden unter anderem Szenarien simuliert, wie sich die unterschiedliche Einspeisung von erneuerbarer Energie aus Sonne und Wind mit der vorhandenen Einspeisung des Stroms aus den Kohlekraftwerken verhält. Der Netzsimulator ist ein in Europa bislang einzigartiges technologisches Instrument, um kritische Netzsituationen unter Realbedingungen zu testen. Das Besondere: Das System kann mit den realen Archivdaten der jeweiligen Netzbetreiber arbeiten. Deshalb hat 50Hertz-Chef Boris Schucht beim Besuch von EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger vor knapp zwei Jahren in Cottbus angekündigt, das Cottbuser Gridlab schrittweise zu einem europäischen Trainings- und Zertifizierungszentrum ausbauen zu wollen. Und er hat Oettinger um Unterstützung für diese Idee gebeten. Schucht erklärte: Es gebe technisch ein europäisches Stromnetz, jetzt müsse auch eine Einheit in den Regelungsprozessen folgen: "Wir brauchen prozessuale Standards für das Zusammenspiel der Stromnetze in ganz Europa." Denn der Ausbau erneuerbarer Energie werde weitergehen. Der Geschäftsführende Vorstand von Gridlab Hans-Peter Erbring will den Umzug nach Schönefeld denn auch keineswegs damit verbunden sehen, dass der Kontakt in die Lausitz gekappt werden soll. "Wir bleiben weiter im IHK-Bezirk Cottbus", betont der Geschäftsführer und versichert, dass die enge Kooperation mit der Cottbuser Universität nicht abgebrochen werde. "Wir bleiben ein An-Institut der BTU Cottbus-Senftenberg." "Das innovative Angebot von Gridlab hat Vorzeigecharakter für die Lausitz. Das ist natürlich kein gutes Signal für den bevorstehenden großen Umstrukturierungsprozess", bewertet der Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus Wolfgang Krüger den Standortwechsel. "Um die Region als Kompetenzzentrum für die Energiewende zu profilieren, dafür wäre der Firmensitz Cottbus natürlich besser. Und dafür kommt der Umzug zur Unzeit." Krüger lässt aber auch nicht unerwähnt, dass Gridlab die infrastrukturelle Anbindung als Umzugsgrund ins Feld führt: "Hier wird deutlich, welche Rolle eine leistungsfähige Schienen- und Straßenanbindung für innovative Unternehmen spielt." BTU-Präsident Prof. Jörg Steinbach nennt es eine "außerordentlich bedauerliche Entscheidung für die BTU und die Region". Er habe vom Gridlab-Umzug erst erfahren, als die Kündigung für die Räume in der Uni-Bibliothek auf dem Tisch lag. "Schade, dass es keine Möglichkeit gegeben hat, Angebote für einen Verbleib zu unterbreiten", sagt Steinbach, der sich wie der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) verwundert zeigt. "Noch im vergangenen Jahr konnte ich mich vor Ort davon überzeugen, dass die Zusammenarbeit von BTU und Gridlab auf soliden Füßen steht", erklärt Kelch. Warum nun die Argumente für den Standort Cottbus, die ihn nach eigener Einschätzung geradezu für eine solche Einrichtung und deren weitere Entwicklung prädestiniert haben, nicht mehr zählen, könne er nicht nachvollziehen. Auch Gridlab-Geschäftsführer Bernd Benser hatte noch Mitte März in einem Bericht des rbb-Fernsehen gesagt: "Gerade weil in dieser Region so unendlich viel Energie-Wissen ist, Energie-Management-, Energie-Wirtschafts-, Energie-Technik-Wissen, ist es so wichtig, dieses Know-how hier zu halten, weiter aufzubauen und damit auch zukunftssicher zu machen." Vor diesem Hintergrund fragt sich der Cottbuser CDU-Landtagsabgeordnete Michael Schierack, ob die Kontakte der BTU-Spitze zu dem Unternehmen ausgereicht haben, um die Zeichen der Zeit rechtzeitiger zu erkennen. "Sicher", sagt Schierack, "war das eine unternehmerische Entscheidung." Aber auf dem Weg in eine Energieregion Lausitz nach der Kohle sei der Umzug von Gridlab ein herber Verlust. Für den BTU-Präsidenten ist es zumindest ein Trostpflaster, dass der Wissenstransfer zwischen BTU und Gridlab weitergeht. Wenngleich der Leuchtturm künftig 80 Kilometer von Cottbus entfernt strahlt, "so werden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse schnell in die Praxis überführt". Solche Kooperationen sind Auftrag für die neue BTU – am besten natürlich in der Lausitz.

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